Dein Tierschutzhund kommt nicht zur Ruhe? Warum Entspannung nach der Adoption so schwer sein kann
- Sonja Ettenhuber
- 13. Aug.
- 6 Min. Lesezeit

Du hast deinen Tierschutzhund endlich zu dir nach Hause geholt und freust dich darauf, daß er jetzt ein Leben führen kann, in dem er sich sicher und geborgen fühlt.
Du hast alles vorbereitet. Sein Körbchen steht an einem ruhigen Platz, Futter ist da und natürlich hast du dir vorgenommen, ihm alle Zeit zu geben, die er braucht.
Doch schon nach kurzer Zeit merkst du, daß dein Hund überhaupt nicht zur Ruhe kommt.
Kaum stehst du vom Sofa auf, steht auch dein Hund auf. Du gehst in die Küche und er kommt hinterher. Du gehst ins Bad und wenige Sekunden später steht er in der Tür. Setzt du dich wieder hin, legt auch er sich wieder irgendwo ab.
Aber richtig entspannt wirkt er dabei nicht.
Er hebt bei jedem Geräusch den Kopf, beobachtet deine Bewegungen und scheint ständig darauf zu warten, was als Nächstes passiert.
Vielleicht hast du dir das ganz anders vorgestellt.
Schließlich ist er doch jetzt in Sicherheit.
Warum kann er also nicht einfach entspannen?
Du weißt, daß er jetzt in Sicherheit ist. Dein Hund weiß es noch nicht.
Für uns ist völlig klar, was passiert, wenn wir einen Hund aus dem Tierschutz bei uns aufnehmen.
Er bleibt bei uns. Er bekommt regelmäßig Futter. Er hat einen warmen Platz zum Schlafen und wir werden dafür sorgen, daß ihm nichts passiert.
Aber woher soll dein Hund das wissen?
Er kennt dich vielleicht erst seit wenigen Tagen. Er kennt deine Wohnung nicht und auch die Geräusche darin sind ihm fremd.
Er weiß nicht, warum plötzlich die Kaffeemaschine Geräusche macht, warum es an der Haustür klingelt oder weshalb im Treppenhaus Menschen an eurer Wohnung vorbeilaufen.
Und vor allem weiß er noch nicht, was als Nächstes passiert.
Für dich sind all diese Dinge völlig normal.
Für deinen Hund sind es unzählige neue Informationen, die er erst einmal einordnen muß.
Nur weil dein Hund liegt, bedeutet das noch lange nicht, daß er entspannt ist
Vielleicht liegt dein Hund sogar viel.
Trotzdem hast du das Gefühl, daß er nie wirklich abschaltet.
Und genau hier lohnt es sich, nicht nur darauf zu achten, ob dein Hund liegt, sondern wie er dabei aussieht.
Liegt sein Kopf entspannt auf dem Boden oder hebt er ihn bei jeder deiner Bewegungen sofort wieder an?
Ist sein Körper locker oder wirkt er angespannt?
Kannst du aufstehen und durch das Zimmer gehen, ohne daß er sofort ebenfalls aufsteht?
Schläft er irgendwann so tief, daß er nicht auf jedes kleine Geräusch reagiert?
Ein Hund kann eine Stunde lang in seinem Körbchen liegen und trotzdem die ganze Zeit damit beschäftigt sein, seine Umgebung zu beobachten.
Von außen sieht das nach Ruhe aus.
Für den Hund muß es noch lange keine sein.
Gerade am Anfang wollen wir oft zu viel
Wenn ein Tierschutzhund endlich bei uns eingezogen ist, möchten wir natürlich, daß er es schön hat.
Also gehen wir mit ihm spazieren, zeigen ihm die Umgebung, kaufen Spielzeug, die Familie möchte den neuen Hund kennenlernen und vielleicht wartet auch schon der erste Besuch bei Freunden.
Schließlich soll er jetzt endlich ein schönes Leben haben.
Das Problem ist nur:
Was für uns schön ist, muß für unseren Hund noch lange nicht schön sein.
Für einen Hund, dessen komplette Welt sich gerade verändert hat, kann bereits ein ganz normaler Tag unglaublich anstrengend sein.
Deshalb braucht er gerade am Anfang vielleicht nicht noch mehr Erlebnisse.
Vielleicht braucht er erst einmal weniger.
Weniger neue Menschen, weniger neue Orte, weniger Erwartungen und dafür mehr Zeit, um überhaupt herauszufinden, wie sein neues Leben funktioniert.
Warum dein Hund dir ständig hinterherläuft
Auch das erlebe ich bei Tierschutzhunden immer wieder.
Der Hund folgt seinem Menschen auf Schritt und Tritt.
Und natürlich freut man sich zunächst darüber.
Schließlich könnte man denken: Er hängt jetzt schon so sehr an mir.
Das kann sein.
Aber gerade bei einem Hund, der erst kurze Zeit bei dir lebt, kann noch etwas ganz anderes dahinterstecken.
Vielleicht bist du momentan das Einzige in dieser völlig neuen Welt, an dem er sich orientieren kann.
Er weiß noch nicht, ob er einfach liegenbleiben kann, wenn du den Raum verläßt.
Also steht er lieber auf und kommt mit.
Nicht unbedingt, weil er unbedingt bei dir sein möchte, sondern weil er noch nicht gelernt hat, daß auch dann alles in Ordnung ist, wenn er dich für einen Moment nicht sieht.
Und irgendwann passiert etwas, das zunächst völlig unspektakulär wirkt.
Du stehst vom Sofa auf und gehst in die Küche.
Dein Hund hebt den Kopf und schaut dir hinterher.
Aber dieses Mal steht er nicht auf.
Er bleibt einfach liegen.
Vielleicht würdest du diesem Moment normalerweise überhaupt keine besondere Bedeutung geben.
Für mich kann genau das ein riesiger Schritt sein.
Was du tun kannst, damit dein Hund leichter zur Ruhe kommt
Das Wichtigste ist für mich zunächst, nicht zu versuchen, Entspannung zu erzwingen.
Du kannst deinem Hund einen Ruheplatz anbieten. Du kannst dafür sorgen, daß er dort möglichst wenig gestört wird. Aber du kannst nicht von ihm verlangen, sich sicher zu fühlen.
Dieses Gefühl muß mit der Zeit entstehen.
Gerade am Anfang kann es helfen, den Alltag möglichst überschaubar zu gestalten. Dein Hund muß nicht jeden Tag etwas Neues erleben. Im Gegenteil: Wiederkehrende Abläufe können ihm dabei helfen zu verstehen, was als Nächstes passiert.
Auch bei Spaziergängen würde ich nicht danach gehen, wie lange ein Hund theoretisch unterwegs sein sollte. Ein kurzer Spaziergang, den dein Hund gut bewältigen kann, kann für ihn viel wertvoller sein als eine lange Runde, nach der er völlig überfordert nach Hause kommt.
Beobachte außerdem, was nach bestimmten Situationen passiert.
Kommt dein Hund nach einem Spaziergang schnell zur Ruhe oder läuft er danach noch lange durch die Wohnung?
Wie verhält er sich, nachdem Besuch da war?
Schläft er nach einem aufregenden Tag schlechter?
Muß er nach bestimmten Situationen besonders viel kontrollieren?
Je besser du deinen Hund beobachtest, desto leichter kannst du herausfinden, was ihm guttut und was momentan vielleicht einfach noch zu viel für ihn ist.
Und vor allem: Gib ihm die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.
Ein Ruheplatz sollte für deinen Hund tatsächlich ein Ort sein, an dem er nichts leisten muß. Dort muß er niemanden begrüßen, nicht gestreichelt werden und auch nicht ständig angesprochen werden.
Manchmal ist genau das die größte Hilfe, die wir einem Hund geben können:
ihn einfach einmal in Ruhe zu lassen.
Ruhe bedeutet nicht, daß dein Hund nichts erlebt
Gerade bei einem Tierschutzhund kann schnell die Sorge entstehen, daß man ihm zu wenig bietet.
Aber Ruhe und Langeweile sind nicht dasselbe.
Dein Hund muß all die neuen Eindrücke seines Lebens verarbeiten können.
Und dafür braucht er Zeiten, in denen nichts passiert.
Du mußt deinen Hund nicht den ganzen Tag beschäftigen, damit er glücklich ist. Es geht vielmehr darum, ein gutes Verhältnis zwischen gemeinsamen Aktivitäten und wirklicher Erholung zu finden.
Wie dieses Verhältnis aussieht, ist von Hund zu Hund unterschiedlich.
Deshalb gibt es auch hier keine Regel, die für jeden Tierschutzhund gleichermaßen funktioniert.
Vertrauen zeigt sich oft in den kleinen Dingen
Wir warten häufig auf die großen Veränderungen.
Auf den ersten entspannten Spaziergang.
Auf die erste Hundebegegnung, die problemlos funktioniert.
Oder darauf, daß unser Hund endlich keine Angst mehr vor bestimmten Situationen hat.
Dabei passiert auf dem Weg dorthin schon so viel.
Vielleicht schläft dein Hund plötzlich weiter, obwohl du durch das Zimmer läufst.
Vielleicht muß er nicht mehr jedes Geräusch kontrollieren.
Vielleicht liegt er nicht mehr nur in der hintersten Ecke, sondern irgendwann mitten im Wohnzimmer.
All das sind kleine Veränderungen, die leicht übersehen werden können.
Aber genau sie können dir zeigen, daß dein Hund langsam beginnt, sich sicherer zu fühlen.
Gib deinem Hund Zeit anzukommen
Wie lange ein Tierschutzhund dafür braucht, kann dir niemand vorher sagen.
Der eine Hund liegt nach wenigen Tagen völlig entspannt auf dem Sofa.
Ein anderer braucht Wochen oder Monate, bis er zum ersten Mal wirklich loslassen kann.
Jeder Tierschutzhund bringt seine eigene Geschichte, seine Erfahrungen und seine ganz persönlichen Unsicherheiten mit.
Deshalb geht es nicht darum, möglichst schnell einen entspannten Hund zu bekommen.
Es geht darum, herauszufinden, was dein Hund braucht, um sich entspannen zu können.
Und irgendwann sitzt du vielleicht auf deinem Sofa, stehst auf, gehst in die Küche und bemerkst erst auf dem Rückweg, daß dein Hund gar nicht mitgekommen ist.
Er liegt noch genauso da wie vorher und schläft.
Für andere ist das vielleicht nichts Besonderes.
Für dich kann es der Moment sein, in dem du merkst:
Mein Hund beginnt wirklich anzukommen.
Denn Vertrauen wächst nicht immer dort, wo wir es sofort sehen.
Manchmal wächst es ganz leise.
Du mußt diesen Weg nicht alleine gehen
Wenn dein Tierschutzhund auch nach längerer Zeit nur schwer zur Ruhe kommt, ständig angespannt wirkt oder du dir nicht sicher bist, was er mit seinem Verhalten ausdrücken möchte, schaue ich mir mit dir gemeinsam an, was hinter seinem Verhalten stecken könnte.
Denn jeder Hund ist anders und gerade bei Tierschutzhunden gibt es nicht die eine Lösung, die für alle funktioniert.
Ich unterstütze dich dabei, deinen Hund besser lesen zu lernen, seinen Alltag passend zu gestalten und Schritt für Schritt mehr Sicherheit und Vertrauen entstehen zu lassen.
Möchtest du deinen Tierschutzhund besser verstehen und ihn auf seinem Weg begleiten?
Dann unterstütze ich dich gerne mit individuellem Hundetraining für Tierschutzhunde sowie einer Begleitung vor und nach der Adoption.
Gemeinsam schaffen wir die Grundlage dafür, daß Vertrauen wachsen kann – leise, aber nachhaltig.

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